Vier Rothirsche gestohlen

Am Morgen des 12. Juli 2006 machte der Besitzer eines burgenländischen Wildgeheges eine schlimme Entdeckung: "Clinton", "Ironman", "Abnormer" und "Geras" waren über Nacht verschwunden!

Der Verlust der vier Rothirsche erregte medial großes Aufsehen. Das Drama nahm leider kein gutes Ende.

Ein Jahr später mussten sich vier mutmaßliche Wilddiebe wegen des Hirsch-Diebstahls vor Gericht verantworten.

Ein 48-jähriger Transportunternehmer und ein 41-jähriger Lebendviehhändler hatten die Entführung der Hirsche geplant. Beim Abtransport wurden sie von einem 50-jährigen Landwirt und einem 40-jährigen Unternehmer unterstützt.

"Die vier haben sich abgesprochen", klagte der Staatsanwalt an. Um Mitternacht seien der Transportunternehmer und der Lebendviehhändler unter Mitnahme von Narkosegewehren in das Wildgehege eingestiegen und hätten die vier Tiere narkotisiert.

Danach wurden die betäubten Hirsche mit zwei Fahrzeugen in ein Wildgehege im Waldviertel gebracht.

"Dort sind sie aber nicht geblieben", berichtete der Staatsanwalt. Aufgrund des medialen Aufsehens sei den Entführern das Waldviertler Wildgehege nicht mehr sicher erschienen.

"Drei Hirsche wurden neuerlich narkotisiert und in das Gehege des Landwirts in Kärnten gebracht", schilderte der Staatsanwalt den weiteren Verlauf. Der vierte Hirsch sei aus dem Wildgehege entwichen.

Alle drei nach Kärnten gebrachten Hirsche seien kurze Zeit später verendet.

Laut Gutachten lag der Wert der Tiere insgesamt zwischen 58.000 und 68.000 Eur.

"Ein Diebstahl an eigenen Sachen ist juristisch nicht möglich", führte der Anwalt des Lebendviehhändlers ins Treffen. Zwei der gestohlenen Rothirsche sollen de facto seinem Mandanten, die beiden anderen dem Transportunternehmer gehört haben.

"Warum dann diese Nacht- und Nebelaktion?", wunderte sich der Staatsanwalt.

Die Argumentation der Angeklagten: Wegen der hohen Temperaturen im Juli habe das Wild nur in der Nacht transportiert werden können.

Der Besitzer des burgenländischen Gatters soll verschuldet gewesen sein. Der Transportunternehmer forderte von ihm 200.000 Euro, der Lebendviehhändler 47.000 Euro. Mit dem Hirschdiebstahl wollten sie sich schadlos halten.

Der 40-jährige Unternehmer berichtete: "Mein Freund, der Landwirt, hatte mir gesagt, dass er einem Freund bei einem Hirschtransport helfen müsse. Wir trafen die beiden anderen Herren, die ich nicht kannte, bei einer Tankstelle."

Um Mitternacht sei man bei dem Gatter im Burgenland eingelangt. Der 48-Jährige und der 41-Jährige verschwanden im Wald.

"Sie waren lange weg und ich bin schon nervös geworden", erinnerte sich der Unternehmer. Um zwei oder drei Uhr morgens seien die Männer dann zurückgekommen. Die Hirsche wurden in einen Anhänger verladen. Beim Transport ins Waldviertel sei er nicht mehr dabei gewesen.

"Ich konnte nicht annehmen, dass da irgendetwas Falsches dabei ist!", beteuerte der Unternehmer.

"Ich wusste, dass der Transportunternehmer ein Gatter in der Steiermark hat und mit Wild handelt", berichtete der Landwirt. "Er sagte, er will Hirsche aus seinem Gatter holen."

"Beim Gatter sagte er zu mir: Ihr bleibt da, zu viele Leute beunruhigen das Wild. Wir haben im Auto geschlafen." Später habe er beim Einladen der Hirsche geholfen.

Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen über den Wilddiebstahl.

Der Landwirt war bei der Heuernte. "Der Transportunternehmer wollte, dass ich mit ihm fahre, weil das Gehege im Waldviertel nicht passt", erzählte er. Noch am selben Tag holte er mit dem Transportunternehmer die Hirsche in sein eigenes Gehege.

Zwei Tage später waren zwei der Tiere tot. Der dritte Hirsch bekam eine Spritze. "Ich wurde von der Polizei angerufen, dass ich den Hirsch dem Besitzer des burgenländischen Gatters mitgeben muss", berichtete der Landwirt. "Ich sagte, ich lasse den Hirsch nicht erschießen." Der Amtstierarzt habe jedoch mit dem Gatterbesitzer vereinbart gehabt, dass das Tier getötet werden müsse.

"Ich habe für den Besitzer des burgenländischen Gatters Transporte durchgeführt und ihm Tiere geliefert", schilderte der Transportunternehmer seine Version. 2003 und 2004 habe man das burgenländische Jagdgatter gemeinsam gepachtet, sich dann aber zerstritten.

Sein ehemaliger Geschäftspartner habe ihm noch "viel Geld" geschuldet, so der Transportunternehmer.

"Clinton" und "Ironman" hätten eigentlich ihm gehört. "Ich habe die Hirsche bezahlt und an meinen Geschäftspartner geliefert", sagte der Transportunternehmer. Eine Rechnung habe er nicht. Dann habe er noch zwei Hirsche geliefert. Es sei ausgemacht gewesen, dass die Tiere im Gatter gemästet und dann nach Bulgarien verkauft werden sollten.

"Ich war der Meinung, dass ich mir die Hirsche jederzeit holen kann", behauptete der Transportunternehmer.

Als in der Zeitung über den Wilddiebstahl berichtet wurde, habe ihm der Lebendviehhändler bestärkt: "Mach' dir nicht ins Hemd!"

"Das hat dazu beigetragen, dass die Polizei die Hirsche im Waldviertel nicht gefunden hat", berichtete der Transportunternehmer.

"Warum haben Sie nicht den Besitzer des burgenländischen Gatters angerufen und ihm gesagt: Ich habe mir jetzt die Hirsche geholt?", wunderte sich der Staatsanwalt.

"Es war ein großes Chaos!", erklärte der Transportunternehmer.

Sein ehemaliger Geschäftspartner habe ihn aufgefordert gehabt, "alle Hirsche zusammenzukaufen". "Er sagte, wir verkaufen sie dann nach Bulgarien weiter. Er hat mir aber nur zwei Hirsche abgekauft."

47.000 Euro hätte ihm der Besitzer des burgenländischen Jagdgatters in Raten zurückzahlen sollen, berichtete der Lebendviehhändler. "Dieser Vergleich wurde aber nicht eingehalten." Der Gatterbesitzer habe ihn vertröstet. "Er sagte immer, die Bank ist schuld und die Post, nur nicht er."

Der Transportunternehmer habe ihn angerufen. "Er sagte, er hat zwei Hirsche im Gatter stehen. Ich sagte, ich habe auch Viecher dort." Man habe beschlossen, hinzufahren und die Tiere zu holen.

"Sie dachten, wenn Sie hingehen, dann gibt er die Tiere nicht heraus?", hakte die Richterin nach.

"Ja", antwortete der Lebendviehhändler.

"Und es waren Ihre zwei Hirsche, die Sie sich genommen haben?", wollte die Richterin wissen.

"Ich kenne meine Hirsche, die ich ihm geliefert habe", bestätigte der Lebendviehhändler. In seinem eigenen Gatter habe er keinen Platz mehr gehabt, deshalb habe er dem Burgenländer die Tiere gebracht.

"Wenn er gezahlt hätte, dann wäre mich das Ganze nichts mehr angegangen", sagte der Lebendviehhändler.

Nach der Entführung der Tiere habe ihn der Gatterbesitzer angerufen. "Er sagte, ihm seien Hirsche abhanden gekommen, und bat mich, ihm zu helfen, die Hirsche zu suchen", berichtete der Lebendviehhändler. "Insgeheim habe ich gelacht. Ich dachte, ich wische ihm eins aus..."

Der Transportunternehmer habe ihn im Urlaub in Italien angerufen. "Er hatte Angst vor der Polizei. Ich sagte zu ihm, der eine Hirsch bleibt im Waldviertler Gatter. Den anderen, den kranken, kann er mitnehmen. Es war klar, dass der nicht überlebt."

"Abnormer" und "Geras" hießen seine Hirsche. "Abnormer?" "Der ist mir passiert. Er war in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, wog nur 80 Kilo, sollte aber mindestens 180 haben. Abkaufen tut dir so einen Hirsch keiner. Der hatte null Wert."

Wenn er sich hätte bereichern wollen, hätte er alle Hirsche aus dem burgenländischen Gatter holen können, trumpfte der Lebendviehhändler auf.

Der Gatterbetreiber aus dem Burgenland bestritt bei seiner Einvernahme vor Gericht, bei den Angeklagten Schulden gehabt zu haben, und beteuerte: "Das waren unsere Hirsche!"

Der Schöffensenat kam nach ausführlicher Beratung jedoch zu dem Schluss, dass sich die zwei Hauptangeklagten ihr Eigentum geholt und somit keinen Diebstahl begangen hätten. Es erfolgte ein Freispruch für alle vier Angeklagten.